E-Nachschlagewerk für das Bauen an historischen Häusern
E-Nachschlagewerk für das Bauen an historischen Häusern
01 Haustyp
01 Haustyp
Überblick
Geschichte
Konstruktion
Gestaltung
Überblick
Kulturlandschaft

Die architektonischen Merkmale von Appenzellerhäusern sind vom oberen Toggenburg über die Kantone Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden, den südlichen Ausläufern der Stadt St. Gallen bis in den unteren Teil des St. Galler Rheintals anzutreffen.

 
Geografie

Die geologische Formation des Appenzellerlands besteht aus den karstigen Kalkalpen des Alpsteins und vorgelagerten Molasse-Hügelzügen. Diese verlaufen etwa in ostwestlicher Richtung. Die Vegetation wird durch das raue und eher feuchte Klima bestimmt. Grosse Niederschlagsmengen, deutliche Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sowie starke Winde prägen die Kulturlandschaft.[Abb. 1]

[Abb.1]

Streusiedlung, Hundwilerhöhe, Buchegg

Siedlungsentwicklung

Die Bauweise der Häuser reagiert auf die topografischen, klimatischen und wirtschaftlichen Entwicklungen gleichermassen. Die Gebäude verteilen sich als Streusiedlungen über die hügelige Landschaft oder gruppieren sich zu kleineren Weilern und Dörfern. Landwirtschaft und Textilproduktion sind bis ins 19. Jahrhundert die vorherrschenden Wirtschaftszweige. Noch heute steht die Hälfte aller Häuser ausserhalb der Bauzonen.[Abb. 2]

[Abb.2]

Schwarzplan «Neuschwendi» bei Trogen

Sage

Der Riese «Säntis» sammelte im flachen Land Häuser und steckte sie in einen Sack. Zuhause wollte er damit eine Stadt bauen. Auf dem Heimweg streifte er mit seiner Beute eine Felskante. Die Häuser purzelten heraus und verteilten sich über die grünen Hügel. Als der Riese sah, wie gut sie in die Landschaft passten, liess er sie da zufrieden stehen.

[Abb.3]

Riese vom Säntis, Werner Meier

Geschichte
Etymologie

Der Volksmund sagt, die Begriffe Ausserrhoden und Innerrhoden würden sich auf Rodungen beziehen. Tatsächlich stammt Rhoden vom romanische Roda ab. Das bedeutet Rad, Rolle - oder Reihenfolge, in der bei Genossenschaften und Korporationen Ämter besetzt und Arbeiten verteilt werden.

Land- und Textilwirtschaft

Im 8. und 9. Jahrhundert besiedeln Leute aus dem alemannischen Raum die bewaldete Landschaft zwischen Bodensee und Säntis. Durch Rodung wird Raum für landwirtschaftliche Nutzung gewonnen. Das anfallende Holz wird für den Bau der Häuser und zum Heizen verwendet. Seit dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert wird in den Bauernhäusern neben der Landwirtschaft auch Heimweberei betrieben. In Stuben und Webkellern werden zuerst Leinentücher, später auch Baumwollstoffe hergestellt. Ab den 1660 er Jahren werden die Textilien durch einheimische Fabrikanten geprüft und weltweit gehandelt. Dafür werden Fabrikantenhäuser gebaut. Die neuen Architekturformen sind von italienischen und französischen Vorbildern im Stil des Barocks und des Klassizismus beeinflusst.[Abb. 4]

[Abb.4]

Keller mit Webstuhl

Ursprung

Die ersten Bauten sind Blockhäuser, wie sie im gesamten Alpenraum anzutreffen sind. Im Laufe der Zeit entstehen daraus unterschiedliche Bautypen mit lokaler Prägung. Der Blockbau wird jetzt wegen seiner verschränkten Eckverbindungen Strickbau genannt.[Abb. 5]

[Abb.5]

Haus Bethlehem, Schwyz, 1287

Erstes Appenzellerhaus

Der Bautyp Appenzellerhaus entsteht aus der Berücksichtigung von Nutzungsanforderungen, dem zur Verfügung stehenden Baumaterial und der Topografie.[Abb. 6]

Vorschau Text "vom echten Appenzellerhaus" Obacht Kultur

Konstruktion
Massivbau

Alle Appenzellerhäuser stehen auf gemauerten Sandsteinsockeln. Bei Stallbauten sind es einfache Fundamentstreifen, bei Bauern- und Bürgerhäusern Sandsteinkeller. Die Fabrikantenhäuser stehen auf gemauerten Keller- und Erdgeschossen. Mit zunehmendem Wohlstand und Repräsentationsansprüchen werden ganzen Fabrikantenpaläste in Sandstein erstellt. Einfache Waschhäuschen werden wegen des Brandschutzes massiv gebaut.[Abb. 6]

[Abb.6]

Sandsteinsockel

Holzbau

Wichtigstes Baumaterial der Region ist einheimisches Fichtenholz. Die frühesten Häuser sind reine Strickbauten.[Abb. 7] Als holzsparende Konstruktionsart kommen der Bohlenständer- und Riegelbau dazu. [Abb. 8] [Abb. 9] Auch die Fassadenverkleidungen sind aus Holz gefertigt. Die häufigsten Verkleidungen sind die Täferfassade, der Schindel- und der Leistenschirm sowie die Deckelschalung.

[Abb.7]

Strickbau

01

Strickkopf; verkämmt oder verzinkt

02

Fensteröffnung; mit Mantelpfosten bei Bandfenstern mit Pfosten unterteilt

[Abb.8]

Riegelständerbau

01

Pfosten; mit Zapfenverbindung zwischen Schwellen gesetzt

02

Schwellen; mit Überblattung

03

Streben; als Aussteifung mit Zapfenverbindung zwischen Schwellen, Riegel und Pfosten

04

Riegel; mit Zapfenverbindung zwischen Pfosten gesetzt

[Abb.9]

Bohlenständerbau

01

Ständer; tragender Pfosten mit Nute für Bohlen

02

Bohle; Ausfachung zwischen Ständern

03

Schwelle; mit Überblattung

04

Riegel; mit Zapfenverbindung zwischen Ständer gesetzt

Gestaltung
Allgemein

An den Bauernhäusern und den Fabrikantenhäusern sind ähnliche Architekturelemente anzutreffen. Die gestrickten Häuser sind mit rasterartigen Täferfeldern verkleidet. Bei Massivbauten bestimmen Sandsteinquader die Fassadengeometrie. Pilaster, Lisenen und Simse kommen bei beiden Bauarten zum Einsatz.

Fachbegriffe Fabrikantenhaus
01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19
01
Basis
02
Fenstergewände
03
Fensterlaibung
04
Fensterverdachung
05
Fenstersims
06
Fenstersprossen
07
Gurtgesims
08
Hohlkehle
09
Jalousienladen
10
Klappladen
11
Kämpfer
12
Kapitell
13
Mezanin
14
Mittelpartie
15
Pilaster
16
Schleppgaube
17
Schlussstein
18
Sockel
19
Supraporte
16
Schleppgaube
16
Schleppgaube
16
Schleppgaube
04
Fensterverdachung
05
Fenstersims
06
Fenstersprossen
09
Jalousienladen
14
Mittelpartie
08
Hohlkehle
11
Kämpfer
12
Kapitell
13
Mezanin
15
Pilaster
01
Basis
02
Fenstergewände
03
Fensterlaibung
10
Klappladen
17
Schlussstein
19
Supraporte