E-Nachschlagewerk für das Bauen an historischen Häusern
E-Nachschlagewerk für das Bauen an historischen Häusern
15 Dämmungen
15 Dämmungen
Überblick
Geschichte
Konstruktion
Gestaltung
Überblick
Energie

Wärmedämmungen sind eine wirkungsvolle Massnahme, um den Energieverbrauch zu reduzieren und Ressourcen zu schonen. Sie senken die Heizkosten, steigern den Wohnkomfort und verlängern die Lebensdauer von Gebäuden.

Strickbauten mit ihren massiven Holzwänden sowie Massivbauten mit soliden, verputzten Mauern sind bereits ohne zusätzliche Dämmung energieeffizient. Verantwortlich dafür sind gegen Süden platzierte Wohnräume und gegen West, Ost und Nord sparsam befensterte Zimmer.

 
Normen und gesetzliche Grundlagen

Historische Bauten müssen und dürfen zeitgemäss renoviert und mit Wärmedämmungen versehen werden.

Hinweis

Objektspezifische Lösungen werden dabei gefördert und unterstützt. Im Merkblatt „Energetische Sanierung am Kulturobjekt“ werden Lösungen präsentiert, die für alle historischen Bauten geeignet sind.

Energetische Sanierung am Kulturobjekt AI AR SG TG LI

Ganzheitliche Betrachtung

Eine Dämmung wirkt im Zusammenspiel mit Heizung, Lüftung, Fenstertechnik und Luftdichtheit. Wird ein Element verändert, beeinflusst dies das gesamte System. Eine wirksame energetische Sanierung setzt daher eine ganzheitliche Betrachtung voraus.[Abb. 1]

Hinweis

Das Gebäude wird als energetische Einheit verstanden, in der Wärmefluss, Feuchtigkeitshaushalt und Nutzung aufeinander abgestimmt sind. Planung, Ausführung und Nutzung müssen zusammenwirken, um ein behagliches Wohn- oder Arbeitsklima zu schaffen, ohne die Bausubstanz zu gefährden.

[Abb.1]

Gedämmter Schindelschirm und ursprünglichem Schindelschirm, Speicherstrasse, Trogen

Geschichte
Ursprünge und Prinzip

Die historischen Bauten im Appenzellerland sind gut an das Klima und die verfügbaren Materialien angepasst. Massive Wandkonstruktionen und Schindelfassaden speichern Wärme, gleichen Feuchtigkeit aus und schaffen so ein stabiles Raumklima.[Abb. 2]

Bei historischen Gebäuden bildet das Innentäfer die erste Dämmebene. In Verbindung mit einer dünnen Luftschicht wirkt es wärmedämmend und macht die Konstruktion winddicht.[Abb. 3][Abb. 4]

[Abb.2]

Bauernhaus mit Holzfassade und Steinsockel, Kohlhalden 11, Speicher

[Abb.3]

Innentäfer Bauernhaus, Herbrigsteig 3, Speicher

[Abb.4]

Innentäfer Fabrikantenhaus, Landsgemeindeplatz 11, Trogen

Neue Baustoffe

Mit der Industrialisierung entstanden neue Baustoffe und Bauprinzipien. So wurden ab den 1920er-Jahren Weichfaserplatten aus Holz und später Spanplatten als Wand- und Deckenverkleidungen eingesetzt. Sie bieten einen einfachen und kostengünstigen Wärmeschutz und prägten den Innenausbau vieler Häuser.[Abb. 5]

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die natürlichen Baustoffe historischer Konstruktionen zunehmend durch Materialien wie Mineral- und Glaswolle, Kork sowie Polystyrol ergänzt.[Abb. 6]

[Abb.5]

Fabrikanlage (Pavatex), Cham

[Abb.6]

Fabrikanlage (Flumroc), Flums

Energiekrisen und Normierung

Seit der Energiekrise in den 1970er Jahren sind Wärmeschutz und Energieverbrauch gesetzlich geregelt. U-Werte und Dämmstärken wurden zu messbaren Kennzahlen. Die technische Entwicklung hat Gebäude effizienter, aber auch empfindlicher gemacht.[Abb. 7]

[Abb.7]

Erster autofreier Sonntag, Fussgänger auf der Nationalstrasse N1

Bauphysikalische Prinzipien

Holz, Lehm, Kalk und Stein sind nicht nur für die Statik, sondern auch den Energiehaushalt eines Gebäudes hervorragende Baumaterialien. Eine moderne Wärmedämmung knüpft an historische Bauweisen an. Sie ergänzt diese, anstatt sie zu verdrängen, und verbindet somit heutige bauphysikalische Erkenntnisse mit klug ausgeführten traditionellen Bauweisen.[Abb. 8]

[Abb.8]

Dämmung zwischen Geschossdecke, Dorf 31, Schwellbrunn

Konstruktion
Grundlagen des Wärmeschutzes

Eine wirksame Dämmung reduziert den Energieabfluss durch die Gebäudehülle. Eine wirksame Dämmung senkt den Wärmedurchgangskoeffizienten (U-Wert) und stabilisiert die Innenraumtemperatur. Für dauerhaften Wärmeschutz ist auch Feuchteregulierung erforderlich, denn nur trockene Bauteile behalten ihre Dämmwirkung.[Abb. 9][Abb. 10]

Hinweis

Die energetische Qualität eines Bauteils wird mit drei Kennwerten beschrieben.

Der U-Wert zeigt an, wie viel Wärme pro Quadratmeter und Grad Temperaturunterschied verloren geht – je kleiner der Wert, desto besser bleibt die Wärme im Gebäude.

Der Lambdawert beschreibt die Wärmeleitfähigkeit eines Materials – je kleiner dieser Wert ist, desto besser dämmt das Material.

Die feuchtetechnische Qualität wird durch den sd-Wert, den µ-Wert, den Wasseraufnahmekoeffizienten und die hygroskopischen Eigenschaften bestimmt.

[Abb.9]

Schematischer Temperaturverlauf durch Bauteil (U-Wert)

[Abb.10]

Schematische Luftfeuchtigkeit durch Bauteil (sd-Wert)

Aufbau Gebäudehülle

Die Gebäudehülle besteht aus einer Schichtung tragender, dämmender und schützender Bauteile. Wird eine dieser Schichten verändert, verschiebt sich das gesamte bauphysikalische Gleichgewicht.

Eine neue Dämmschicht beeinflusst die Temperaturverteilung, das Feuchteverhalten und den Kondensationspunkt. Bauten speichern Wärme, Holzkonstruktionen reagieren dynamischer. Jede Bauweise verlangt ihre eigene Dämmstrategie.

[Abb. 11]

Strickwand ungedämmt

[Abb. 12]

Strickwand aussen gedämmt

[Abb. 13]

Strickwand innen gedämmt

[Abb. 14]

Massivwand ungedämmt

[Abb. 15]

Massivwand mit Dämmputz

Dämmwirkung

Bereits eine wenige Zentimeter starke Dämmschicht reduziert den Wärmeverlust deutlich. Die ersten Schichten erzielen dabei den grössten Effekt, während zusätzliche Materialstärke nur noch eine geringe Verbesserung bringt.[Abb. 16]

Erhöhte Dämmstärken können das Risiko von unerwünschten Wärmebrücken und Kondensatbildung verstärken.

[Abb.16]

Dämmwirkung im Verhältnis zu Dämmstärke

Verteilung von Wärmeverlusten

In einem historischen Gebäude verteilen sich die Wärmeverluste wie folgt.[Abb. 17]

Aufteilung

10–25 % 

Dach, Estrichboden

10–25 % 

Aussenwände

10–25 % 

Fenster

10–25 %

Undichtigkeiten und Lüftung

10 %

Boden oder Kellerdecke

10 %

Heizungs- und Leitungsverluste

10 %

Warmwasser und Elektrizität

Hinweis

Der grösste Effekt entsteht durch die Kombination verschiedener Massnahmen. Eine bescheidene Dämmung der Fassade kann durch Massnahmen an Dach, Decke oder Boden ausgeglichen werden.

[Abb.17]

Wärmeverluste und Dämmpotenziale

Verbesserung ohne Bauschäden

Energetische Sanierungen müssen verhältnismässig sein. Jede Massnahme soll in einem ausgewogenen Verhältnis zu Eingriff, Kosten und Wirkung stehen. Eine übertriebene Dämmung kann zu bauphysikalischen Problemen führen. Unsachgemässe Ausführungen können Kondensat, Schimmel und Materialschäden verursachen. Eine sorgfältige Analyse der Eigenschaften der verwendeten Baustoffe sowie bautechnisch sauber ausgeführte Anschlüsse der neuen Bauteile an die historische Substanz garantieren eine nachhaltige und kostenbewusste Renovierung.

Aussendämmung

Wo Konstruktion und Gebäudezustand es verlangen, bietet die Aussenwärmedämmung bauphysikalische Vorteile.

Sie hält die tragende Konstruktion warm, vermindert Wärmebrücken und schützt vor Schlagregen. Eine hinterlüftete, diffusionsoffene Fassade kann den Wärmeschutz verbessern, ohne die Bausubstanz zu schädigen.

[Abb. 18]

Täferfassade aussen gedämmt

[Abb. 19]

Schindelfassade aussen gedämmt

Innendämmung

Eine Innendämmung wird auf der Raumseite der Aussenwand angebracht. Dadurch bleibt die Fassade unberührt und die Energieeffizienz wird von innen verbessert. Dabei verschiebt sich der sogenannte Taupunkt von der Wandaussenseite nach innen. Um Bauschäden durch kondensierte feuchte Luft zu vermeiden, sind dampfdurchlässige und Feuchtigkeit speichernde Materialien erforderlich.[Abb. 20]

Eine 8 cm starke Innendämmung entspricht wegen der nicht vermeidbaren, aber akzeptablen Wärmebrücken etwa der Wirkung einer 6 cm starken Aussendämmung.

[Abb.20]

Täferfassade innen gedämmt

01

Vertikallattung; als Unterkonstruktion für das Innentafer

02

Dämmebene; zwischen der Vertikallattung

03

Innentäfer; horizontal mit Nur und Kamm, auf Unterkonstruktion verschraubt

04

Sockelleiste; als unteren Abschluss des Innentäfers und ausgleichen der Toleranzen

05

Fenster; innen angeschlagen und in der Flucht der neuen Dammebene

06

Fenstereinfassung; umlaufend mit Nut im bestehenden Fensterrahmen verankert

Hohlraumdämmung

Bei zweiteiligen Konstruktionen kann der Zwischenraum mit Dämmmaterial gefüllt werden. Eingeblasene Dämmstoffe füllen die Hohlräume gleichmässig aus. Die Konstruktion muss trocken, dicht und schadenfrei sein, da sich sonst Feuchtigkeit stauen kann.[Abb. 21]

Beim Einblasen des Dämmmaterials hört man das Hohlrauschen in der Wand – ein Zeichen, dass der Zwischenraum gleichmässig gefüllt wird.

[Abb.21]

Täferfassade innen gedämmt (Hohlraumdämmung)

01

Vertikallattung; als Unterkonstruktion für die Horizontallattung

02

Horizontallattung; als Unterkonstruktion für das Innentafer

03

Dammebene; zwischen Verkreuzter Lattung mit einblasfähigem Dämmraum

04

Innentafer; mit Nut und Kamm auf die horizontale Unterkonstruktion verschraubt

05

Einblasschlauch; verbunden mit einer Einblasmaschine die einen Luftstrom erzeugt und das aufgelockerte

Dachdämmung

Das Dach ist der Bauteil mit den grössten Wärmeverlusten. Je nach Aufbau kommen Dämmungen zwischen, unter oder auf den Sparren in Frage.

Wenn das Dach unbeheizt bleibt, kann statt einer Dachdämmung auch die oberste Geschossdecke gedämmt werden. Diese Lösung ist einfach auszuführen, kostengünstig und bauphysikalisch sicher. Sie erzielt nahezu denselben Wärmeschutz wie eine Dachdämmung, greift aber weder in die Dachkonstruktion noch in das äussere Erscheinungsbild ein.

[Abb. 22]

Zwischensparrendämmung

[Abb. 23]

Dämmung der obersten Geschossdecke

Bodendämmung und Kellerdecke

Rund zehn Prozent der Heizenergie können über den Erdgeschossboden verloren gehen. In nicht unterkellerten Gebäuden wird die Dämmung direkt über eine Schicht, die Feuchtigkeit abhält, aufgebracht. In unterkellerten Gebäuden erfolgt die Dämmung dagegen an der Kellerdecke.

[Abb. 24]

Kellerdecke gedämmt

[Abb. 25]

Kellerboden gedämmt

Systemzusammenhänge

Jede Veränderung an der Gebäudehülle beeinflusst den gesamten Energiehaushalt eines Hauses.

Eine dichte Aussenhülle verlangt eine kontrollierte Lüftung, eine starke Dachdämmung beeinflusst den Wärmefluss der Wände und eine Bodendämmung das Feuchteverhalten im Sockelbereich. Bei der Planung und Ausführung müssen diese Wechselwirkungen berücksichtigt werden, damit sich die Massnahmen nicht gegenseitig aufheben oder Bauschäden verursachen.

Dämmmaterialien

Die Wahl des richtigen Dämmmaterials ist entscheidend für die Qualität einer wärmetechnischen Verbesserung. Nicht jeder Dämmstoff eignet sich für jede Konstruktion. Massgebend sind das Feuchteverhalten, die Verträglichkeit mit dem historischen Material und die Rückbaufähigkeit. In der Praxis haben sich vor allem dampfdurchlässige und saugfähige Materialien bewährt.

Mineralische Dämmstoffe sind dauerhaft, nicht brennbar und feuchteresistent. Aufgenommene Feuchtigkeit lagert sich in Form feiner Tröpfchen im Material ein. Das Austrocknen von Kondensat erfolgt durch vorbeistreichende Luft in der Hinterlüftungsebene.

Mineralische Dämmstoffe

+

Mineralwolle (Glas- oder Steinwolle) ist diffusionsoffen, nicht brennbar sowie wärme- und schalldämmend, jedoch kaum feuchtepuffernd und nicht kapillaraktiv. Materialarchiv [↗] 
 

+

Glaswolle (mineralischer Dämmstoff, nicht brennbar, wärme- und schalldämmend) Materialarchiv [↗] 
 

+

Mineralschaum ist diffusionsoffen, kapillaraktiv und feuchteregulierend, schimmelhemmend sowie nicht brennbar und besonders für die Innendämmung geeignet. Materialarchiv [↗] 
 

+

Schaumglas / Glasgranulate (tragfähig, feuchtigkeitsresistent, aus Recyclingglas) Materialarchiv [↗] 
 

 

Natürliche und pflanzliche Dämmstoffe vereinen eine gute Wärmedämmung mit einem natürlichen Feuchteausgleich. Sie sind ökologisch, diffusionsoffen und saugfähig. Holzfaserplatten werden häufig in Fachwerk- und Mischbauten verwendet, wo sie mit Lehm- oder Kalkputz kombiniert werden. Zellulose eignet sich besonders für Hohlräume, Dach- und Deckenbereiche.

Natürliche und Pflanzliche Dämmstoffe

+

Holzfaserdämmplatten sind diffusionsoffen, saugfähig, ökologisch und lassen sich mit Lehm- oder Kalkputz kombinieren. Materialarchiv [↗] 
 

+

Zellulose (Einblasdämmung für Hohlräume, Dach und Decken) sind diffusionsoffen und feuchtepuffernd). Materialarchiv [↗] 
 

+

Holzwolle-Leichtbauplatten sind saugfähig und wärmespeichernd. Sie waren früher weit verbreitet. Materialarchiv [↗] 
 

+

Kork (nachwachsend, wärme- und schalldämmend, feuchtigkeitsunempfindlich, resistent gegen Schimmel). Materialarchiv [↗] 
 

+

Schafwolle (nachwachsend, feuchteregulierend, schalldämmend, selbstreinigend, diffusionsoffen). Materialarchiv [↗] 
 

 

Für spezielle Anwendungen stehen weitere Materialien zur Verfügung. Aerogel-Dämmputze beispielsweise erreichen hohe Dämmwerte bei minimaler Schichtdicke und eignen sich besonders für feingliedrige oder strukturierte Fassaden. Hanfkalk- und Strohlehmsteine werden als innenseitige Vorsatzschalen verwendet und verbinden Wärmespeicherung mit Feuchteregulierung. Bims- und Perlit-Zuschläge in Kalk- oder Lehmputzen erhöhen die Dämmwirkung mineralischer Oberflächen zusätzlich.

Spezial Anwendung

+

Aerogel-Dämmputze (hohe Dämmwirkung bei geringer Schichtdicke, geeignet für feingliedrige Flächen). Materialarchiv [↗] 
 

+

Hanfkalksteine eignen sich für die innenseitige Vorsatzschale, speichern Wärme und regulieren die Feuchtigkeit. Materialarchiv [↗] 
 

+

Strohlehmsteine (kapillaraktiv, feuchteregulierend, diffusionsoffen).  Materialarchiv [↗] 
 

+

Leichtlehmplatten (natürlich, diffusionsoffen, feuchtepuffernd, wärmespeichernd). Materialarchiv [↗] 

+

Bims (Leichtzuschlag in Putzen oder Mauerwerk)
 

+

Perlite (Leichtzuschlag, mineralisch, diffusionsoffen, nicht brennbar)
 

+

Blähglas (Leichtzuschlag, mineralischer Dämmputz). Materialarchiv [↗] 
 

Hinweis

Sämtliche genannten Materialien können vertieft in der Datenbank des Materialarchivs eingesehen werden. Dort sind sie mit technischen Kennwerten, bauphysikalischen Eigenschaften sowie Hinweisen zu Einsatzbereichen dokumentiert. Ergänzend stehen bildliche Darstellungen, Materialmuster und Vergleichsmöglichkeiten zur Verfügung, die eine differenzierte Beurteilung und Auswahl der geeigneten Dämmstoffe unterstützen.

Nutzerverhalten und Komfort

Die Energieeffizienz hängt auch vom Wohnstil ab. Durch richtiges Lüften, angepasste Raumtemperaturen und den Einsatz energiesparender Geräte lässt sich der Verbrauch deutlich senken. Eine winddichte, aber atmungsaktive Gebäudehülle verhindert Zugluft, sorgt für eine gleichmässige Wärmeverteilung und steigert den Komfort. Neben der technischen Optimierung bringt eine energetische Sanierung auch eine Steigerung der Wohnqualität.[Abb. 26]

[Abb.26]

Hauptfassade mit Fensterflügel, Hechtgasse 10, Wolfhalden

Planung, Kontrolle und Energieversorgung

Jede Dämmung beginnt mit einer präzisen Bestandsanalyse. Dabei werden der Zustand der Bausubstanz, die Feuchtigkeitswerte und die Wärmebrücken geprüft. Thermografische Fotoaufnahmen zeigen kritische Punkte. Blower-Door-Tests machen Mängel bei der Luftdichtheit sichtbar. Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten kann die Wirksamkeit anhand von Messdaten belegt werden.[Abb. 27]

Hinweis

Eine Wärmebrücke ist eine Stelle in der Gebäudehülle, an der Wärme leichter nach aussen gelangt als über die angrenzenden Flächen. Sie entsteht durch Materialwechsel, Feuchtigkeit oder  Unterbrechungen in der Dämmschicht. In diesen Bereichen kühlt die Oberfläche stärker ab, wodurch sich zusätzliche Feuchtigkeit niederschlagen und Schimmel bilden kann.

[Abb.27]

Wärmebildaufnahme einer Fassade am Appenzellerhaus

Gestaltung
Regionale Identität

Im Appenzellerland steht jede energetische Erneuerung im Dialog mit den historischen Baustilen und der hochentwickelten handwerklichen Qualität der Region. Erfolgreiche Renovationsprojekte zeigen, dass sich neue Anforderungen überzeugend mit der Baugeschichte verbinden lassen.[Abb. 28][Abb. 29]

[Abb.28]

Energetisch saniertes bäuerliches Fabrikantenhaus, Dorf 8, Speicher

[Abb.29]

Energetisch saniertes Verwaltungsgebäude, Platz 249, Walzenhausen

Schindeln und Holzfassaden

Schindeln sind ein charakteristisches Element vieler Appenzeller Häuser. Sie schützen das Holz, lassen die Wand atmen und altern gut. Eine Aussenwärmedämmung darf diesen bewährten Aufbau nicht beeinträchtigen. Wird eine solche Dämmung erforderlich, sollte eine Hinterlüftungsebene konstruiert werden. Dadurch kann die Bildung von Kondensat an windexponierten Stellen verhindert und die Lebensdauer verlängert werden.[Abb. 30][Abb. 31]

[Abb.30]

Ausdruck energetisch sanierte Schindelfassade, Hinterhof 2240, Herisau

[Abb.31]

Detail energetisch sanierte Schindelfassade, Hinterhof 2240, Herisau

Fenster und Leibungen

Fenster prägen den Ausdruck des Appenzeller Hauses. Sie ordnen die Fassade, fassen Öffnungen und regulieren den Lichteintrag. Energetische Eingriffe verschieben die Leibungstiefen und verändern das Licht- und Schattenspiel. Eine sorgfältige Detailausbildung sichert den Fassadenrhythmus und bewahrt die Proportionen.

[Abb. 32]

Schattenwurf Leibung und Sturz ohne Dämmmassnahmen

[Abb. 33]

Schattenwurf Leibung und Sturz mit Dämmmassnahmen

Dächer und Silhouetten

Bei energetischen Massnahmen wird die Art der Dachkonstruktion berücksichtigt. Bei einer Aufsparrendämmung sollte die grössere Konstruktionshöhe durch eine Zweiteilung der Traufbretter optisch verfeinert werden.

Eine Innendämmung erlaubt einen wirksamen Wärmeschutz, ohne den feingliedrigen Fassadenausdruck zu beeinträchtigen. Gleichzeitig ist diese Lösung im Vergleich zur Aufsparrendämmung konstruktiv sowie bauphysikalisch deutlich anspruchsvoller.

Hinweis

Das Dämmen lässt den Schnee langsamer schmelzen. Um Unfälle durch Dachlawinen zu vermeiden, werden zusätzliche Schneefanganlagen benötigt.

[Abb. 34]

Steildach mit Überstand, Hinterhasli 314, Wolfhalden

[Abb. 35]

Steildach mit Schnee, Oberwaldstatt 5a, Waldstatt

[Abb. 36]

Energetisch saniertes Gebäude freistehend, Kohlhalden 11, Speicher

[Abb. 37]

Energetisch saniertes Gebäude im Dorf, Spuhlergasse 8, Schönengrund

Innenraum und Atmosphäre

Eine Dämmung verändert das Gebäudeinnere. Warme Oberflächen und ausgeglichene Temperaturen steigern die Behaglichkeit. Saugfähige Systeme regulieren die Luftfeuchtigkeit und sorgen für ein gesundes Raumklima. Materialien wie Lehm, Holz und Kalkputz bewahren die sinnliche Qualität und den Geruch des Hauses.[Abb. 38]

Renovationen mit biologischen Materialien lassen die Räume ruhiger wirken – das Raumklima fühlt sich ausgeglichener an.

Durch Umnutzungen und energetische Erneuerungen entstehen neue, hochwertige Raumqualitäten.[Abb. 39]

[Abb.38]

Innenverkleidung mit Dachdämmung, Wannen 241, Wald

[Abb.39]

Stallanbau bei historischen Bauernhaus, Spitz 150, Wald

Beratung

Emil Giezendanner, Bauphysiker, Uzwil

Literaturhinweise

Amt für Hochbau und Energie Appenzell Innerrhoden. Hinweise für die Vollzugspraxis des kantonalen Energiegesetzes (EnerG). Appenzell: Amt für Hochbau und Energie, 2020.

Unruh, Tina (Hrsg.). Erneuerung von Innen – Denkmalpflege & Energie. Luzern: Hochschule Luzern – Technik & Architektur, 2014.

Brockmann, Ansgar; Kaiser, Roswitha; Schöfer, Saskia; Vollmann, Silke; Eßmann, Frank. Innendämmung im Baudenkmal. Planungs- und Ausführungshinweise. Berlin: Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland, 2019.

Moeri, Siegfried; Wohlleben, Marion. Energie und Baudenkmal. Teil 3: Haustechnik. Bern/Zürich: Kantonale Denkmalpflege Bern und Kantonale Denkmalpflege Zürich, 2014.

Amt für Denkmalpflege AR, AI, SG, TG und Fürstentum Liechtenstein. Energetische Sanierung am Kulturobjekt. Herisau: Denkmalpflege AR, 2013.

Lignum Holzwirtschaft Schweiz. Holzbausanierung zwischen Ortsbildschutz und Energieeffizienz. Ein roter Faden für Bauherrschaften. Zürich: Lignum, 2018.

Rieder, Stefan et al. Energetische Erneuerung statt minimale Instandhaltung. Bern: Bundesamt für Energie (BFE), 2020.

Moeri, Siegfried; Wohlleben, Marion. Energie und Baudenkmal. Teil 1: Gebäudehülle. Bern/Zürich: Kantonale Denkmalpflege Bern und Kantonale Denkmalpflege Zürich, 2014.

Hermann, Isabell. Die Bauernhäuser beider Appenzell. Herisau: Appenzeller Verlag, 2004.

Abbildungsverzeichnis
[Abb. 1]

Gedämmter Schindelschirm und ursprünglichem Schindelschirm, Speicherstrasse, Trogen, 2012.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 12-0131-13-0022

[Abb. 2]

Bauernhaus mit Holzfassade und Steinsockel, Kohlhalden 11, Speicher, 2014.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 11-0596-16-0030

[Abb. 3]

Innentäfer Bauernhaus, Herbrigsteig 3, Speicher, 2011.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 11-0164-19-0000

[Abb. 4]

Innentäfer Fabrikantenhaus, Landsgemeindeplatz 11, Trogen, 2015.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 12-0045-2022-0014

[Abb. 5]

Fabrikanlage (Pavatex), Cham, 1964.
ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Foto: Comet Photo AG / Com_F64-01959 / CC BY-SA 4.0

[Abb. 6]

Fabrikanlage (Flumroc), Flums, 1977.
ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz, Foto: Swissair Photo AG / LBS_IN-051683-51 / CC BY-SA 4.0

[Abb. 7]

Erster autofreier Sonntag, Fussgänger auf der Nationalstrasse N1, 1973.
ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Foto: Jules Vogt / Com_L22-0958-0008-0002 / CC BY-SA 4.0

[Abb. 8]

Dämmung zwischen Geschossdecke, Dorf 31, Schwellbrunn, 2013.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 03-0031-2023-0041

[Abb. 9]

Schematischer Temperaturverlauf durch Bauteil (U-Wert), 2025.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 10]

Schematische Luftfeuchtigkeit durch Bauteil (sd-Wert), 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 11]

Strickwand ungedämmt, 2023.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 12]

Strickwand aussen gedämmt, 2023.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 13]

Strickwand innen gedämmt, 2023.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 14]

Massivwand ungedämmt, 2023.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 15]

Massivwand mit Dämmputz, 2023.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 16]

Dämmwirkung im Verhältnis zu Dämmstärke, 2023.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 17]

Wärmeverluste und Dämmpotenziale, 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 18]

Täferfassade aussen gedämmt, 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 19]

Schindelfassade aussen gedämmt, 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 20]

Täferfassade innen gedämmt, 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 21]

Täferfassade innen gedämmt (Hohlraumdämmung), 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 22]

Zwischensparrendämmung, 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 23]

Dämmung der obersten Geschossdecke, 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 24]

Kellerdecke gedämmt, 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 25]

Kellerboden gedämmt, 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 26]

Hauptfassade mit Fensterflügel, Hechtgasse 10, Wolfhalden, 2009.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 17-0010-2023-0011

[Abb. 27]

Wärmebildaufnahme einer Fassade am Appenzellerhaus, 2023.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Foto: Fredi Altherr

[Abb. 28]

Energetisch saniertes bäuerliches Fabrikantenhaus, Dorf 8, Speicher, 2017.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 11-0028-19-0014

[Abb. 29]

Energetisch saniertes Verwaltungsgebäude, Platz 249, Walzenhausen, 2013.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 19-0249-2022-0001

[Abb. 30]

Ausdruck energetisch sanierte Schindelfassade, Hinterhof 2240, Herisau, 2024.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 02-2240-2024-0014

[Abb. 31]

Detail energetisch sanierte Schindelfassade, Hinterhof 2240, Herisau, 2024.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 02-2240-2024-0037

[Abb. 32]

Schattenwurf Leibung und Sturz ohne Dämmmassnahmen, 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 33]

Schattenwurf Leibung und Sturz mit Dämmmassnahmen, 2026.
E-Nachschlagewerk für das Bauen and historischen Häuser, Zeichnung: Moritz Wick

[Abb. 34]

Steildach mit Überstand, Hinterhasli 314, Wolfhalden, 2007.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 17-0314-07-0005

[Abb. 35]

Steildach mit Schnee, Oberwaldstatt 5a, Waldstatt, 2016.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 07-0916-11-0006

[Abb. 36]

Energetisch saniertes Gebäude freistehend, Kohlhalden 11, Speicher, 2019.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 11-0596-16-0021

[Abb. 37]

Energetisch saniertes Gebäude im Dorf, Spuhlergasse 8, Schönengrund, 2018.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 06-0046-20-0016

[Abb. 38]

Innenverkleidung mit Dachdämmung, Wannen 241, Wald, 2014.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 14-0241-07-0013

[Abb. 39]

Stallanbau bei historischen Bauernhaus, Spitz 150, Wald, 2011.
Kantonale Denkmalpflege Appenzell Ausserrhoden / 14-0150-07-0004

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